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Therapie

By 21. Februar 2018 No Comments

 

Das Therapieangebot für Menschen mit Asperger-Syndrom ist vielfältig und individuell dem Betroffenen anzupassen.

Im Vordergrund steht meist die sogenannte „Autismus-Therapie“, sie findet meist in Autismus-Therapiezentren statt. Kostenträger ist regulär das Jugendamt (Eingliederungshilfe). In der Autismus-Therapie werden in regelmäßigen Gesprächen/Hilfeplangesprächen werden Zielvereinbarungen getroffen. Grundsätzlich soll diese Therapie dem Kind ermöglichen zu erlernen, mit für ihn schwierigen Situationen besser umzugehen, Verhaltensweisen anzupassen und seine Fähigkeiten zur Selbsthilfe zu stärken. Dies betrifft unterschiedliche Bereiche, so werden z.B. Kommunikation, Kontaktaufbau, Sprachverständnis, Flexibilität, aber auch z.B. alltagspraktische Abläufe trainiert.

Da Kinder mit Asperger-Syndrom häufig auch Auffälligkeiten im sprachlichen Bereich (z.B. undeutliche Sprache, Sprachfluss, Sprachgeschwindigkeit) sowie im Bereich der Fein-/Grobmotorik zeigen, erhalten viele Kinder – oft auch zusätzlich zur Autismus-Therapie – häufig auch Logopädie und/oder Ergotherapie und/oder Krankengymnastik. Viele Eltern haben auch mit tiergestützter Therapie oder therapeutischem Reiten gute Erfahrungen gehabt. Oft empfiehlt sich auch, gerade vorliegenden Depressionen, eine psychotherapeutische Behandlung.

Manche Kinder mit Asperger-Syndrom zeigen Konzentrationsprobleme und Unruhe, evtl. auch aggressives/autoaggressives Verhalten. Es ist auch möglich, dass neben dem Asperger-Syndrom weitere Störungsbilder vorliegen, z.B. AD(H)S, Depressionen, Tourette-Syndrom oder Epilepsie. Je nach Art der vorliegenden Probleme wird der behandelnde Arzt (meist ein Facharzt für Kinderpsychiatrie) weitere Diagnostiken und evtl. auch medikamentöse Unterstützungen empfehlen.

Bei einer Vielfalt therapeutischer Ansätze/Fördermöglichkeiten in der Autismus-Therapie gibt es jedoch einige „Grundbausteine“, die das Alltagsleben deutlich erleichtern, das Einüben von Handlungen und erwünschter Verhaltensweisen unterstützen und dem Kind Halt bieten und ihm die Möglichkeit geben mehr Flexibilität zu erreichen.

Kinder mit Asperger-Syndrom scheinen dann und wann nahezu unhöfliche oder arrogant zu wirken,  häufig verweigern sie gewünschte Tätigkeiten oder Verhaltensweisen, reagieren auch mit Zorn, Angst oder Rückzug. Keine ihrer Reaktionen sind jedoch als manipulativ oder „bösartig“ zu verstehen. Durch eine permanente Überflutung mit Eindrücken, der Unfähigkeit Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, bleiben ihnen oft wenig Möglichkeiten sich situativ angepasst zu verhalten, bzw. Situationen schnell allumfassend einzuordnen. Schnell kann es zu überschießenden oder auch unverständlichen Reaktionen kommen. Durch individuell angepasste verhaltenstherapeutische Begleitung, auch im Alltag, sind sie jedoch nach und nach in der Lage ein situativ angemessenes Verhalten zu erlernen.

Für Eltern bedeutet das, sich immer wieder in das Kind hineinzuversetzen, herauszufinden, welche Situationen/Reaktionen schwierig sind, warum das Kind dementsprechend reagiert und wie man frühzeitig Eskalationen vermeiden kann, welche alternativen Reaktionen trainiert werden können – vor allem aber Geduld und Konsequenz. Das Erlernen erwünschter Handlungen bzw. Verhaltensänderungen kann sehr langwierig sein. Oft geschieht es auch, dass ganz plötzlich eintrainierte Verhaltensweisen wieder verschwunden zu sein scheinen, man das Gefühl hat wieder von vorne zu beginnen. Meist scheint es jedoch eher so, als wenn das Kind so einfach noch einmal ausprobiert, ob seine sicheren, vertrauten Strukturen noch vorhanden sind, die Reaktionen der Eltern noch gleich sind, die Verlässlichkeit weiter besteht.

Wichtig im Alltag ist eine individuell erarbeitete Struktur. Ein Tag als Ganzes ist häufig viel zu unübersichtlich. Wenig Veränderungen, ein gleichförmiger Tagesablauf, eine Vorausplanung von Aktivitäten, eine verständliche Aufgaben-Erstellung sind hier sehr hilfreich. Je nach Betroffenheit des Kindes kann diese Alltagsstruktur eher oberflächlich sein, sich an den Mahlzeiten und wiederkehrenden Tätigkeiten orientieren oder aber auch mit Listen und Plänen zur Auflistung diverser Tagesaktivitäten in zeitlicher Abfolge erfolgen, bis hin zu genauer Aufschlüsselung von Einzeltätigkeiten.

Da viele Kinder oft nicht ausreichend auf Ansprache reagieren sollte man darauf achten, dass sich ihre Aufmerksamkeit fokussiert. Häufig genügt es, das Kind um Aufmerksamkeit und Blickkontakt zu bitten, es dabei kurz zu berühren, evtl. auch darum bitten, dass es wiederholt, was gerade beprochen wurde. Verallgemeinerungen (z.B. „Dein Zimmer müsste mal wieder aufgeräumt werden.“) werden vom Kind häufig nicht verstanden, klare, kurze Sätze mit deutlicher Ansprache (z.B. „Bitte räume jetzt Dein Zimmer auf!“) haben deutlich mehr Erfolg. Lange Erklärungen sind oft zu umfangreich für das Kind, so dass es die Kernaussage häufig nicht mehr versteht oder auch gar nicht mitbekommt. Durch die eingeschränkte Fähigkeit aus Gesichtern „zu lesen“ und Aussagen (vor allem Ironie) falsch zu verstehen, bzw. Aussagen wörtlich zu nehmen, kann es immer wieder zu Situationen kommen, in denen angenommen wird „er/sie will einfach nicht“, obwohl der eigentliche Grund ist, dass fehlinterpretiert wurde oder das Kind sich nicht angesprochen fühlte. Eine gute Hilfe sind oft auch Visualisierungen, wie z.B. eine „Stopp“-Karte oder andere vereinbarte Zeichen, wenn das Kind auf verbale Einschränkungen nicht (mehr) reagiert.

Kinder mit Asperger-Syndrom verweigern häufig Veränderungen, haben Probleme sich von einer Situation auf die nächste einzustellen. Da ihnen bekannte Situationen, Reaktionen und Handlungen Sicherheit bieten, ist es oft nicht einfach, diese Verhaltensmuster zu durchbrechen, es fällt ihnen schwer zielgerecht zu handeln, bzw. den Sinn einer Tätigkeit zu sehen. So dürfen nicht zu viele Lernziele auf einmal gesetzt werden, bzw. es muss langsam erarbeitet werden, was erreicht werden soll und die Ziele sollten Prioritäten folgen.

Sehr hilfreich sind Verstärkerpläne nach dem Belohnungsprinzip, die inviduell erstellt werden. Das erwünschte Verhalten kann so mit dem Kind besprochen werden und in – mit dem Kind erarbeiteten – Plänen und Zielen dokumentiert werden. So lernt es, dass sich sein Bemühen Verhaltensweisen zu verändern oder Abläufe zu erlernen positiv auswirkt. Möglich ist auch in diesem Bereich jede Abstufung der Pläne, begonnen bei kleinschrittigen, schnell zu erreichenden Zielen, bis hin zu Zielen, die schwerer zu erreichen sind. Manche Kinder erarbeiten sich so z.B. Zeiträume, die sie für ihre Lieblingstätigkeiten nutzen können, andere Kinder erarbeiten sich Vergünstigungen im Alltag (z.B. „einmal Spülmaschine ausräumen entfällt“), manche erarbeiten sich kleine, materielle Belohnungen, bei manchen sind Verhaltensweisen so belastend und massiv, dass u.U. auch einmal ein etwas größerer Wunsch erfüllt wird. Wichtig ist eine realistische, erreichbar Zielsetzung und das Kind auch einen Sinn darin sieht, auf das Ziel hinzuarbeiten. Beginnt man so einen Plan mit schnell zu erreichenden Zielen, durch die das Kind eine positive Rückmeldung erhält, kann man so mit positiven Gesprächen dem Kind vermitteln, dass die Ziele nun etwas weiter gesteckt werden, da es selber sieht, dass es fähig ist dieses Ziel zu erreichen. Auch wenn sich dies ein wenig wie Dressur anhört, dem Kind mit Autismus vermittelt nicht nur die Belohnung ein gutes Gefühl, auch das Erkennen, was es leisten kann und dass es so z.B. eine individuelle Veränderungsangst überwinden konnte, stärkt sein Vertrauen in sich selber und macht es oft auch stolz auf das Erreichte.

Ein weiterer wichtiger Punkt im Alltag ist eine gewisse Vorausplanung. Auch hier wieder eine große individuelle Bandbreite, manchen Kindern genügt es zu wissen „morgen gehen wir einkaufen“, andere Kinder wiederum brauchen diese Ankündigung mehrmals Tage zuvor und am selbigen Tage dann mit z.B. „Wir frühstücken, danach kannst Du noch Dein Bild fertig malen, danach fahren wir.“

Tätigkeiten/Handlungen können durch verhaltenstherapeutische Ansätze und auch dem Einsatz von z.B. TEACCH, mit und mit gut eingeübt werden. Da Autisten jedoch Probleme haben, eine Situation auf die nächste zu übertragen, bzw. sinnvoll zu planen/vorausschauend zu handeln, sollte man immer bedenken, welche Schwierigkeiten sich auch in eintrainierten Handlungen spontan ergeben können. Es kann z.B. sein, dass das Kind erlernt hat, Besuch bei der Begrüßung die Hand zu geben, ihn anzuschauen, z.B. auch zu fragen „Wie geht es Dir?“. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass das Kind auch außerhalb des häuslichen Bereiches so reagieren wird. Es wendet u.U. zuhause das erlernte „Begrüßungs-Schema“ an, sieht aber nicht ein, warum es Bekannte in anderer Umgebung ebenfalls begrüßen soll bzw. so begrüßen soll. Ebenso kann es sein, dass die erlernte „Wie geht es Dir“-Frage grundsätzlich anwendet, egal mit wem es redet. Auch die Aufforderung „Wenn Du den Bus verpasst, ruf mich bitte an, damit ich Dich abholen kann.“ wird das Kind vermutlich, wie erlernt durchführen, man sollte hier aber z.B. bedenken, dem Kind zu erklären, dass es das Handy eingeschaltet lassen muss, damit man es auch erreichen kann und wo es sich aufhalten soll, damit man sich nicht verpasst. Es ist sonst durchaus möglich, dass es zwar anruft und sagt „Ich habe den Bus verpasst.“, nach Gesprächsende aber das Handy ausschaltet oder mit einem anderen Bus fährt, denn es hat die eigentliche Aufgabe „Anrufen, falls der Bus verpasst wurde.“, ja  erfüllt.

Im Alltag hat sich zur Unterstützung eine Förderung nach TEACCH (=Treatment and Education of Autistic and related Communication handicapped Children) bewährt. Es ist – auch in Ansätzen – sehr gut geeignet um den Alltag zu strukturieren bzw. Tätigkeiten zu trainieren. Auch hier ist die Bandbreite wieder sehr groß. Verallgemeinert gesagt wird eine Tätigkeit in kleinere Einzelhandlungen, die einem bestimmten Ablauf folgen, aufgeschlüsselt, oft auch visuell unterstützt. Es können Bild-Kärtchen für kleine Kinder angefertigt werden, aber auch schriftliche Listen und Pläne für größere Kinder. Ein Beispiel wäre z.B. die Aufgabe „Tisch decken“. Normalerweise eine sehr selbstverständliche Tätigkeit, die für autistische Kinder jedoch evtl. zu umfangreich ist, da sie sich aus vielen Einzeltätigkeiten zusammensetzt. So müssen verschiedene Schränke und Schubladen geöffnet werden, es muss überlegt werden, ob Löffel oder Gabel gebraucht werden, wo Geschirr und Besteck platziert werden. Ein kleinschrittiger Beginn im TEACCH-Programm würde so z.B. damit beginnen, dass der Reihenfolge nach (Bilder oder in Worten) die verschiedenen erforderlichen Arbeitsschritte aufgeschrieben bzw. aufgezeichnet werden: Schritt 1 – Platz-Unterlage auf den Tisch, Schritt 2 – Teller aus Schrank 1 in die Mitte der Platzunterlage, Schritt 3 – Glas aus Schrank 2 rechts oben neben den Teller, Schritt 4 – Messer und Gabel aus Schublade 1 neben den Teller. Bei Kindern, die eine sehr kleinschrittige Anleitung benötigen, können so auch Schränke beschriftet werden, auf der Platzunterlage gekennzeichnet werden, was wo hingestellt wird usw. Anderen Kindern genügt z.B. nur eine kurze Auflistung „Tisch decken mit Geschirr und Besteck“. Auch bei sehr differenziertem Beginn kann so mit und mit die sehr detaillierte Handlungsanweisung immer allgemeiner abgefasst werden, bis – bezogen auf das Beispiel „Tisch decken“ – nur noch die Anweisung „Tisch decken“ notwendig ist, ggfs. mit fester Uhrzeit, so dass später dann diese Tätigkeit ohne besondere Anleitung oder Ankündigung mit in den Tagesablauf übernommen wird.

So ist TEACCH sehr vielfältig im Alltag verwendbar, nicht nur im Bereich der Körperpflege oder Tagesstrukturierung und dem Erlernen von Tätigkeiten, es kann auch „abgewandelt“ werden und helfen,  Situationen, die das Kind als unangenehm empfindet oder in denen es sehr auffällige Verhaltensweisen oder Ängste zeigt, zu entzerren. Kleine Kärtchen mit möglichen Lösungen für bestimmte Situationen (z.B. „Wenn ich wütend bin, gehe ich in mein Zimmer.“) bieten oft große Hilfen und lassen sich immer wieder neu anpassen, Voraussetzung ist natürlich auch hier eine enge Begleitung durch die Eltern, indem sie genau beobachten, ob das Kind unruhig, ängstlich oder gereizt wirkt und so frühzeitig auf die Lösungsmöglichkeit/Kärtchen hinweisen können, bis auch hier ein Umlernen erfolgt ist.

Auch wenn Vieles sicher sehr starr und streng wirkt, so profitieren autistische Kinder sehr von klaren Regeln, vereinbarten, sinnvollen Konsequenzen und einer gewissen Gleichförmigkeit. Gerade die täglichen Strukturen, bekannten Regeln, bekannten Reaktionen, die auf den ersten Blick vielleicht einengend wirken, bieten den notwendigen Halt und das Vertrauen, sich auch auf Neues einlassen zu können. Sie fördern die Flexibilität und Fähigkeiten zur Selbsthilfe und vermitteln Erfolgserlebnisse.

©Ina Heike Stöcker 2018