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Eltern untereinander – nicht immer ganz einfach…

By 5. März 2018 No Comments

 

Eltern untereinander – nicht immer ganz einfach…

Eltern mit jüngeren Kindern erleben häufig, dass Menschen aus ihrem Umfeld dazu neigen die jeweiligen Besonderheiten und Auffälligkeiten des Kindes zu bagatellisieren. Nicht selten bekommen sie zu hören, dass ihr Kind doch „ganz normal“ sei, dass es doch sogar besonders intelligent sei, da es z.B. über einen großen Wortschatz und gutes Ausdrucksvermögen verfügt, vielleicht sogar schon lesen kann, gerne und gut rechnet, ein außergewöhnliches Wissen hat o.ä. Viele Menschen im Umfeld der Eltern und des Kindes erleben es meist nur in kurzen „Momentaufnahmen“ und haben so u.U. möglicherweise den Eindruck eines aufgeschlossenen, wissbegierigen Kindes. Sie loben die Fähigkeiten und Talente des Kindes und sind erstaunt, wenn das Kind ihnen detailliert erzählt, welche Modellreihen welcher Busse es bevorzugt und dass die neue Lackierung des Linienbusses xy ihnen nicht so gut gefällt wie die vorherige und das Design der Sitzmuster aus der Baureihe xy doch eindeutig schöner gewesen sei. Sie wissen nicht, dass das Kind sich nicht in einem echten Dialog mit ihnen befindet, stattdessen über das spricht, was es am meisten interessiert, völlig unabhängig davon, ob der Gesprächspartner an diesen Inhalten interessiert ist oder konzentriert zuhört. Eltern, die die langen und wiederkehrenden, detaillierten Berichte ihrer Kinder nur zu gut kennen, hören so oft, dass das Kind doch eindeutig problemlos Kontakt zu anderen Menschen aufnimmt, über ein hervorragendes Wissen und Sprachvermögen verfügt und bestimmt einmal sein Hobby zu einem Beruf machen wird. Dass es sich bei der scheinbaren Kontaktaufnahme eher um distanzloses Verhalten zur Befriedigung der eigenen Mitteilungsbedürfnisse über das jeweilige Spezialthema handelt, erkennen sie als Außenstehende regulär nicht, für sie ist das Kind eher „ein kleiner Professor“, vielleicht ein wenig skurril, aber sehr liebenswert und begabt.

Sprechen Eltern dann die weiteren Besonderheiten des Kindes an, dass das Kind vielleicht häufig wütend wird, wenn sich Abläufe verändern, dass es motorisch sehr ungeschickt ist, vielleicht auch sehr unruhig, werden auch diese Äußerungen leider sehr häufig abgetan, oft hören Eltern, dass das Kind der betreffenden Person früher auch immer unbedingt eine bestimmte Jacke tragen wollte, erst mit 10 Jahren eine Schleife binden konnte und jedes Kind schließlich einen großen Entwicklungsspielraum habe, das würde sich bestimmt noch auswachsen und das Kind sei doch ein „schlaues Kerlchen“. Dass die Summe aller täglicher kleiner und größerer Auffälligkeiten und Reaktionen des Kindes für Eltern und Kind auch eine große Belastung ist, ist für Außenstehende nur schwer zu erkennen.

Viele Eltern leiden darunter, dass sie immer wieder das Gefühl haben, sich rechtfertigen zu müssen, Erklärungen liefern zu müssen, warum das Kind eben nicht so ist, wie andere Kinder in diesem Alter, mit welchen Problemen sie und das Kind im Alltag kämpfen müssen und nach all den Erklärungen der Besonderheiten des Kindes vielleicht auch noch zur Antwort bekommen, dass der Gesprächspartner es seltsam findet, dass die Eltern ihr Kind „so schlecht reden“.

Nicht selten kommt es im persönlichen Umfeld von Eltern und Kind auch zu Vorwürfen an die Eltern, dass ihr Kind unfreundlich oder sogar schlecht erzogen sei. Zuvor gute Freunde reagieren genervt, wenn das Kind beim gemeinsamen Kaffeetrinken immer wieder weint oder wütend ist, weil nicht die geliebte blaue Tasse und der rote Teller vor ihm stehen, dass es unruhig ist und keine Beschäftigung findet, obwohl doch bei der befreundeten Familie genügend Spielzeug vorhanden ist, wenn es immer wieder das Gespräch der Erwachsenen unterbricht und von den für es selber interessanten Themen berichtet oder wenn es im Kinderzimmer immer wieder zu Weinen und Geschrei kommt, weil das Kind es nicht erträgt, dass die Kinder der Familie anders spielen möchten als es selber oder sein sorgfältig geplantes Bauwerk zerstören. Immer wieder kommt es vor, dass vorherige Freundschaften keinen Bestand mehr haben, Eltern und Kind werden nicht mehr eingeladen, da bisherige Freunde die Kontakte als anstrengend empfinden, Eltern wiederum verzichten häufig auf Besuchskontakte auch im eigenen Wohnumfeld, da auch dies häufig für Eltern und Kind zu anstrengenden Situationen führt.

Auch der Gesprächsbedarf bzw. der Gesprächsinhalt bei Kontakten ist häufig unterschiedlich, während andere Eltern vielleicht von den Entwicklungssprüngen ihrer Kinder berichten oder von den letzten Ausflügen in einen Freizeitpark und ein Indoor-Spieleparadies, so ist der Gesprächsbedarf von Eltern mit autistischen Kindern doch häufig ein anderer. An einen Freizeitparkaufenthalt oder einen Nachmittag in einem lauten Spieleparadies wagen sie meist gar nicht zu denken und auch die Entwicklungssprünge unterscheiden sich häufig deutlich, die alltäglichen Probleme stehen eher im Vordergrund, sind für Eltern gesunder Kinder jedoch häufig nicht nachvollziehbar oder werden bagatellisiert. So kann es durchaus vorkommen, dass sich der Freundeskreis verkleinert oder vielleicht sogar völlig verändert. Hilfreich ist es, wenn Eltern mit Kindern aus dem Autismus-Spektrum sich aktiv Austausch suchen. Hier gibt es unterschiedliche Angebote. Im Internet bieten Foren und Mailinglisten eine gute schriftliche Austauschmöglichkeit, Eltern wissen, dass sie dort nicht erklären müssen, wie und warum ihr Kind wie reagiert, sie können hilfreiche Tipps erhalten oder auch einfach zur Zuspruch und mit ihren Erfahrungen anderen Eltern helfen. Autismus-Therapiezentren bieten häufig auch Elterngruppen an, ebenso finden sich meist lokale Selbsthilfegruppen und so entstehen oft neue und bereichernde Freundschaften.